Laufbericht Baltic-Run vom 22.07 bis 26.07.2012

Laufbericht Baltic-Run vom 22.07 bis 26.07.2012

 

Lauf ins (Urlaubs)-Paradies

 

Es ist immer ein besonderes Erlebnis, wenn man etwas zum ersten Mal macht. Und so stand ich als Neuling am 22 Juli, morgens früh am Start des diesjährigen Baltic – Run, meinem ersten Etappenlauf, der mich in den nächsten fünf Tagen von Berlin nach Karlshagen, einem Urlaubsparadies auf der Insel Usedom in der kühlen Ostsee gelegen führen soll. Dazwischen liegen 325 Kilometer, die in 5 Tagesetappen zu absolvieren waren. Ein Abenteuer und eine neue Herausforderung für mich, der ich gespannt und auch mit ein bisschen Kribbeln im Bauch entgegen sah. Vorbereitet auf den Lauf war ich, positiv eingestellt ohnedies und ich war mir recht sicher, dass ich mein Vorhaben umsetzen kann. Es ist immer von Vorteil, wenn man zu Beginn einer Strapaze nicht weiss, was tatsächlich auf Körper und Geist zukommen wird. Wäre dem nämlich so, so wäre vermutlich der Ultralauf niemals geboren worden.

Die erste Hürde, die Anreise nach Berlin meisterte ich mit Bravour, auch der Turnsaal im Berliner Bezirk Frohnau war bald gefunden. Er war der Treffpunkt für uns Läufer, den zahlreichen Betreuern und Organisatoren der Laufveranstaltung. Klar, dass wir Läufer uns gleich zu Beginn eingehend inspizieren mussten. Die nächsten Tage auf der Strecke und die nächsten Nächte in den verschiedensten Turnsälen werden wir gemeinsam verbringen und es ist gut zu wissen, wer die 70 genannten Mitläufer sind. Nach einem kurzen Briefinggespräch durch den Veranstalter erklärte Frohnaus Bezirksbürgermeister höchstpersönlich den Baltic Run 2012 für eröffnet und entließ uns in eine frühe Nachtruhe, denn immerhin brauchten wir für die kommenden Tage sehr viel Energie und tags darauf schellte der Wecker auch schon um fünf Uhr früh und läutete die Tagwache ein.

Der Startschuss zum Baltic Run 2012 erfolgte direkt vor dem Berliner Dom, einer imposanten Kulisse und mehr als würdigen Platz, um einen besonderen Lauf wie den Baltic-Run zu beginnen.

Punkt acht Uhr machten sich vor dem Berliner Dom gut 70 Etappenläufer auf die erste Etappe.

Mit rund 65 Kilometern hat es Etappe Nummer eins schon ordentlich in sich. Vom Dom zu Berlin ausgehend, war die Laufstrecke zumeist ident mit dem Radweg nach Usedom und war gut zu belaufen. Mein Laufrhythmus stimmte von Beginn an und ich fühlte mich sehr wohl. Alle sechs bis zehn Kilometer gab es einen Verpflegungspunkt, für die Versorgung der Läufer war ausreichend gesorgt. Weil es so gut lief, hatte ich Zeit, meine Mitläufer näher Kennenzulernen. Während des Laufens ergaben sich nette Gespräche, alle waren noch sehr relaxed, der Lauf kurzweilig und das Ziel des Tages – Hubertusstock – war nach 5 Stunden und 59 Minuten erreicht. Das Wetter hat super mitgespielt und ich war am Ende des Tages überrascht, wie locker ich die erste Etappe gemeistert hatte.

Zur Belohnung des Tages durften wir in der Nacht in einem richtigen Bett schlafen. Welche Wohltat – statt Turnsaal-Romantik gabs Hotelkomfort und wir alle genossen die Nacht, denn es sollte auch die einzige während des Laufes in einem Hotel sein. An allen anderen Nächten war Kuscheln mit 90 Leuten im Turnsaal angesagt, samt ihren individuellen Einschlaf-, Schlaf- und Aufwachgewohnheiten. Auf Matten im Schlafsack zu liegen ist auch nicht gerade förderlich für eine wohltuende Nachtruhe.

Gut ausgeschlafen und regeneriert gingen wir Etappe Nummer zwei an. Mein Start war erst um acht Uhr früh, denn nach der ersten Etappe lag ich im vorderen Mittelfeld. Die Langsameren unter uns mussten/ durften schon um sieben Uhr loslaufen - gute Etappenzeiten machen sich eben doch bezahlt. 67 Kilometer standen an Tag zwei auf dem Programm. Das Ziel war Prenzlau. Und wieder kam ich gut in den Laufrhythmus, ich kam problemlos und auch zügig voran. Die Motivation war einfach da und ich wusste zu dem Zeitpunkt noch nicht, dass sich die Sache mit der Motivation noch dramatisch ändern würde. Nach sechs Stunden und 23 Minuten war Prenzlau erreicht. „Ich Glücklicher“, dachte ich denn die Temperatur stieg an diesem zweiten Tag kontinuierlich an und ich war sehr froh, der knalligen Nachmittagssonne etwas entkommen zu sein. Eine kühle Dusche, Massage und hinterher ein Schleckeis waren jedenfalls um Häuser besser, als noch ordentlich auf der Laufstrecke schwitzen zu müssen. Ich hatte das Gefühl, gut regenerieren zu können und legte mich nach einem richtigen Sportleressen wieder zeitig in den Schlafsack.

Am dritten Tag hatte ich mich an das Ritual schon gewohnt. Früh aufstehen, waschen, frühstücken, fertig machen zum Lauf, laufen, essen und wieder schlafen gehen. Auf Etappe Nummer drei lagen dazwischen 66 Kilometer mit dem Ort Eggesin als Ziel. Auch am dritten Tag kam mir das Privileg zu, erst um acht Uhr starten zu müssen, weil ich noch immer zu den Schnellen gehörte. Doch oje, schon zu Beginn merkte ich, dass das Laufen etwas schwerer fiel als die Tage davor. Vorbei war es mit dem Adrenalin-Stoß, die Beine zogen schon ein wenig und es wurde richtig heiss. Das Thermometer zeigte an diesem Tag über 30 Grad an, ein Horror für jeden Läufer aus unseren Breitengraden. Ich versuchte dennoch, am Läufer dranzubleiben, der sich vor mir weiterkämpfte. Das gelang mir, zudem holte ich Läufer ein, die bereits um sieben Uhr gestartet waren. So gesehen stimmte das Resultat, doch die Freude darüber war wohl nicht groß genug, um dem Hammermann zu entkommen. Er – der Hammermann – erwischte mich in der Mitte der dritten Etappe knallhart. Immer schwerer gelang es mir, mein Tempo zu halten, meine Pausen an den Verpflegungsstellen wurden länger. Ich begann, mir das Ziel in Usedom zu visualisieren und hielt mich so aufrecht. Irgendwie schaffte ich das dritte Etappenziel. Mehr gehend als laufend zwar, aber ich war einfach nur froh, in Eggesin zu sein, duschen zu können, ein bisschen essen und mich dann in meinen Schlafsack zurückzuziehen, der wieder seinen Platz im örtlichen Turnsaal bezogen hatte. In der Nacht träumte ich von Etappe Nummer vier und von meinen Blasen an den Füssen. Wenn ich träumte, denn häufig lag ich wach. Es ist paradox, doch je größer die Anstrengung wird, desto öfter wird man nächtens muter und desto mehr nimmt die Schlafqualität ab. Leider ging es nicht nur mir so, sondern auch meinen Mitstreitern. Die nächtliche Unruhe im Turnsaal mag ich mir jetzt, wo alles vorbei ist, erst gar nicht mehr vorstellen müssen.

Die vierte Etappe lies ich um halb sieben Uhr früh beginnen. Ich durfte gar nicht daran denken, aber es stand – gemessen an den Kilometern – die Königsetappe auf dem Programm. Am Ende des Tages sollten wir 70 weitere Kilometer in den Beinen haben. Ich nahm all meine Motivation zusammen, lies die Blasen Blasen sein, schnappte mir meinen Freund Andre Lange aus Bad Endorf und ging gemeinsam mit ihm die Sache an. Mit oder ohne Andre: die ersten Kilometer waren die reine Qual. Die Blasen taten sehr weh, bei jedem Schritt. Der Schmerz war stechend, doch mit zunehmender Kilometerzahl nahm der Schmerz ab. „Ich habe ihn mir weggelaufen“, dachte ich mir und freute mich. Andre und ich einigten uns auf ein Lauftempo und siehe da, wir kamen höchst passabel voran.

Drei Verpflegungsstationen weiter erreichten wir das Rosenhänger Beek, ein Wasser- und Naturschutzgebiet, das als Lebensraum verschiedenster Vogelarten bekannt ist. Was für eine einmalige Landschaft und perfekte Kulisse für einen Lauf wie diesen. Wir genossen die Umgebung, tauchten in ihr ein und das Laufen war auch gar nicht mehr so anstrengend. Wir freuten uns auf die vierte Verpflegungsstation, doch als wir diese erreichten, war sie nicht besetzt. Erst später erfuhren wir, dass das Betreuerteam im Stau stecken geblieben war, ein Unfall war passiert und es war kein Fortkommen mehr möglich. So ein Glück, dass wir alle unsere Wasserflaschen dabei hatten, denn die Sonne begann einmal mehr, gnadenlos herunter zu brennen und ohne Wasser wäre das Weiterlaufen problematisch geworden. Wir litten unter der Hitze, doch gegenseitig motivierten wir uns und erreichten Verpflegungspunkt fünf an diesem Tag, der glücklicherweise wieder besetzt war. Wir gönnten uns eine längere Rast, aßen und tranken vor allem ausreichend, denn so viel Zeit muss sein. Bei Kilometer 60 erreichten wir jene Brücke, die vom deutschen Festland auf die Insel Usedom führt. Noch zehn Kilometer und das Etappenziel war erreicht. Das ist nicht mehr viel dachten wir und freudig gaben wir Gas. Was wir nicht wussten war, dass es die zehn Kilometer mehr als in sich hatten. Die Aussentemperatur betrug ordentlich über 30 Grad, der Körper wollte gar nicht mehr, die zehn Kilometer hinterließen Zentimeter für Zentimeter ihre Spuren in unseren Beinen. Mit brennenden Füßen erreichten Andre und ich das Etappenziel nach einer Laufzeit von 8 Stunden und 17 Minuten.

Die Schlauchdusche im Ziel war eine Wohltat. Ein üppiger Strahl kaltes Wasser kühlte den Körper halbwegs ab. Das Gefühl, die Laufschuhe für diesen Tag ausziehen zu können ist nahezu unbeschreiblich. Leid konnte einem nur der Masseur tun, der nach dieser Königsetappe bis spät in die Nacht ordentlich kneten durfte. Erschöpft legte ich mich nieder mit dem guten Gedanken, dass es „nur“ noch 59 Kilometer bis zum Ziel waren.

Doch auch wenn es die Schlussetappe ist: sich am Morgen zum Laufen zu motivieren fällt alles andere als leicht. Im Laufcamp machte sich schon ein wenig die Mieselstimmung breit. Jeder wollte eigentlich nur noch ins Ziel, von Lockerheit bei den Läufern keine Spur. Auch bei mir nicht. Nach dem üblichen Morgenprozedere atmete ich einige Male tief durch und sagte mir selber vor, dass hier und jetzt die letzte Etappe stattfinden wird. Um sieben Uhr früh startete ich los, wieder gemeinsam mit meinem Freund Andre. Schon auf den ersten Metern wusste ich, wir werden ein déjà vu Erlebnis haben. So wie am Vortag tat einfach alles weh, die Blasen setzten mir richtig zu, doch nach einigen Kilometern lies der Schmerz dankenswerter Weise wieder nach. Auch mit einem gängigen Vorurteil sei hier auf der Stelle aufgeräumt. Wer glaubt, im Norden von Deutschland und nahe der Ostsee sei es flach, der ist dort noch nie gelaufen. Von wegen, ein Anstieg jagte den anderen, ein Greul für laufmüde Beine, die schon 300 Kilometer abgespult hatten. Teilweise waren die Anstiege einige Hundert Meter lang und hatten Steigungen von 15 und mehr Prozent . Nach 25 Laufkilometern an diesem Tag hatte ich meinen absoluten körperlichen und psychischen Tiefpunkt erreicht. Ich fühlte mich einfach am Ende und zweifelte alles an. Mein Körper spielte noch ein bisschen mit, doch der Kopf wollte gar nicht mehr. Aus und vorbei dachte ich, wozu das Ganze auch? Ganz in meinem mentalen Tiefsinn verhangen erreichte ich die fünf Kilometer ewig lange Uferpromenade von Ahlbeck und ich sah das erste Mal auf der Strapazen-Tour das Meer. Oh wie hätte ich es mir gewünscht, jetzt einfach ans Wasser zu gehen, einzutauchen, abzutauchen und die Lauferei einfach Lauferei sein zu lassen. Ich informierte Andre darüber, dass ich jetzt das Meer gegen das Laufen tauschen würde – und lief weiter.

Am Ende der Promenade winkte ein Verpflegungspunkt als Belohnung. Andre und ich liefen und liefen, vorbei an Laufkollegen, die auch alle schon längst das Handtuch werfen wollten und so wie wir weiterliefen und weiterliefen. Es ist ein Trancezustand, in den sich der Läufer begibt. Irgendwann wird man zur Maschine, die sich bewegt und weiterbewegt, obwohl alles schon auf Stillstand programmiert ist. Die Schritte laufen automatisch ab, Körper und Geist steuern nicht mehr viel bei. Auf den letzten elf Kilometern gelang es der Maschine in mir nochmals, Tempo aufzunehmen. Irgendwann sah ich dann den Zielbogen, der dort stand, keine Fatamorgana war und auf den ich zulief. Unermüdlich. Noch ein paar Schritte, und du hast deinen ersten Etappenlauf zu Ende gebracht, dachte ich und lief über die Ziellinie. Dann kamen die Gefühle zurück und mit ihnen ein unbeschreibliches Glück, diese Herausforderung gemeistert zu haben. Nach fünf Tagen, 324 Kilometern, nach 35 Laufstunden samt 4 Laufminuten, als Gesamt 25. und als 7. In meiner Altersklasse hatte ich das Ziel erreicht.

Ich lies mich erschöpft auf den Boden fallen und genoss den Triumpf. Ein Triumpf über den Körper, den Geist und allen voran ein Triumpf über den inneren Schweinehund. Man, muss der besiegt werden. Immer und immer wieder bockt er auf und jede Faser im Köper muss ihm dann Stand halten können. Klein einfaches Unterfangen, doch ich habe es geschafft. Yes!!!!

Eine Veranstaltung wie der Baltic-Run kann nur dann umgesetzt werden, wenn es eine Fülle an Menschen gibt, die diesen Lauf organisieren und betreuen. Organisatorisch ist der Baltic Run perfekt, das Betreuerteam ist richtig auf Zack und tut alles, damit die Läufer ihr Ziel erreichen können. Für den Läufer ist es nicht das Laufen, das zusehends schwer fällt, sondern der Wille, morgens aufzustehen wenn man genau weiss, was einem an diesem Tag wird – nämlich der nächste 60 Kilometer-Lauf.

Für mich war es eine tolle Erfahrung, ich bin dankbar, dass ich die Möglichkeit habe, solche Herausforderungen annehmen und meistern zu können. Nun bin ich höchst motiviert, um im September mein nächstes Großprojekt anzugehen. Den Spartathlon, einem Non-stop-Lauf von Athen nach Sparta, der 246 Kilometer lang ist und zudem 3000 Höhenmeter beinhaltet. Ich bin mir sicher, ich kann auch das schaffen. Ich sage danke dem Veranstalter des Baltic Run und den Betreuern, die sich so um mich gekümmert haben. Danke will ich aber auch Gerhard Kapshammer von der Donau Versicherung Schärding sagen, der mich schon seit vielen Jahren bei meinen Laufbewerben unterstützt. Was er noch nicht weiss ist, dass ich seine Unterstützung für den Baltic Run nicht für mich verwenden werde, sondern dem Verein Marathon zugute kommen lasse . Dieser Verein sorgt sich um Eltern und ihren an Muskelerkrankungen leidenden Kindern. Diese Kinder liegen mir persönlich sehr am Herzen. Wer den Verein auch unterstützen will oder mehr über seine Aktivitäten erfahren möchte findet Informationen auf www.verein-marathon.de.

Und ich freue mich nun auf mein nächstes Ziel: den Spartathlon 2012 – und davor auf einige erholsame Tage.